Warum Qualität ihren Preis hat...

(Text von http://www.pferdeausbildung-nord.com)


Warum Qualität ihren Preis hat oder „Suche Westernsattel, aber nicht mehr als 200 €…“

Mal ganz ehrlich: Reiten oder Pferdehaltung an sich ist kein günstiges Hobby. Wer die Verantwortung für diese Tiere übernimmt, sollte sich darüber im Klaren sein. Und wer sein Pferd nicht nur angucken will, sondern auch Leistung von einem Pferd erwartet, sollte sich das am besten eintätowieren lassen: "Pferde kosten Geld. Gute Ausrüstung für ein Pferd kostet Geld."
Damit ein Pferd seinen Job als Reitpferd machen kann, sollte man es nicht sabotieren, indem man miese Ausrüstung benutzt. Natürlich könnte ich zu einem Rundumschlag mit Haltung, Fütterung, Gesundheitsfürsorge usw. ausholen, aber heute habe ich wieder mal so eine Suchanzeige wie im Titel genannt gesehen und frage mich: Wie kommt man auf sowas? Was denkt man sich bei so einer Suche, oder denkt man dabei überhaupt?
Billig-Westernsättel sind Sicherheitsrisiko und Tierquälerei in einem.
Ein grober, wirklich grober Überschlag für die Kosten bei einem Westernsattel:
Der Baum. Früher aus Holz gesägt und gefräst und mit Rohhaut überzogen, fließen viele Arbeitsstunden in so einen Baum hinein, dazu noch die Materialkosten. Natürlich darf es für eine gute Haltbarkeit nicht irgendein Holz sein, sondern Holz mit schmalen, gleichmäßigen Fasern ohne Astlöcher bestimmter Holzarten. Außerdem wird schon beim Herstellen des Baums die Passform für das Pferd festgelegt: der Schwung, der Twist, die Breite des Sattels (ich fasse mich jetzt mal kurz und versuche, nicht zu viele Fachbegriffe einzuwerfen) Auch die Rohhaut muss eine bestimmte Qualität haben, nicht zu dünn, nicht zu dick, vernünftig behandelt… und wenn diese Haut auf den Holzbaum kommt, muss sie mit Geschick und Wissen vernäht werden, es darf nichts reißen oder Falten werfen…. Auch da wieder jede Menge Arbeitsstunden, die bezahlt werden müssen! Allein ein guter traditioneller Holzbaum bei einem Westernsattel ist locker über 200 € wert. Wird dieser in den USA gefertigt, dann kommt noch Transport und Zoll dazu. Und auch moderne Bäume aus Leimschichtholz werden per CNC-Fräse sorgfältig hergestellt, aus guten Hölzern. Eine Qualitätskontrolle per Laservermessung ist bei modernen Westernsattelbäumen mit Schichtholz und evtl. flexiblen Kunststoffpartien Standard. Auch diese Maschinen kosten Geld und die Nutzung der Maschinen finden sich im Preis wieder. Arbeitsstunden, Materialkosten, Maschinenkosten.

Ein billiger „Western“sattel hat einen Baum aus minderwertigem, unelastischen, oft fehlerhaftem Holz, manchmal sogar aus Spanplatte. Wenn Spanplatten nass werden, quellen diese auf und werden brüchig. Super. Einen Überzug mit Haut? Ganz sicher nicht. Anatomisch geschwungene Bars? Ha, die Passform eines Billig-Westernsattels ist die von zwei Frühstücksbrettern: gerade Holzbrettchen mit etwas aufgetackertem Plastik, kleine Tackerklammern halten diese Konstruktion zusammen. Oder Spaxschrauben, wie bei Ikea-Regalen. Oft gucken die Schraubenenden auf der Unterseite des Sattels wieder heraus. Bestimmt total angenehm fürs Pferd.

Der hochwertige Westernsattel, der auf den Baum gebaut wird, besteht aus gutem, haltbaren Leder, idealerweise vegetabil (also pflanzlich) ohne giftige Gerbsubstanzen (Im Ausland oft Chrom-III-Salze) bearbeitet.

Leder ist nicht gleich Leder, es werden nur bestimmte Lederstücke zum Sattelbau verwendet, die dick genug und haltbar genug sind. Leder dieser Qualität kostet minimal 200 € pro Quadratmeter. Braucht man auch noch eine bestimmte Farbe wird daraus schnell mehr. Deutlich mehr.

Aus Kostengründen erfolgt die Lederherstellung von Billigsätteln meist in Schwellen- und Billiglohnländern wie Indien, China oder Bangladesch. Arbeits- und Umweltschutzgesetze stehen in diesen Ländern höchstens auf dem Papier. Mundschutz und Arbeitsbekleidung für die Menschen, oft auch noch Kinder oder Kläranlagen für den giftigen Gerbschlamm und Abwässer gibt es zumeist nicht. Oder es wird eine Art „Pressleder“ aus Lederresten hergestellt, plattgewalzt und mit einem hübschen Blumenmuster versehen. Oder es wird dünneres Leder, fehlerhaftes Leder oder Leder mit ungeeigneten Dehnungseigenschaften auf den Sattel gebaut. Ja, sowas sollte man mit dem Kauf eines Billig-Sattels unbedingt unterstützen.... *augenroll*

Die Gurtung eines guten Westernsattels wird auf das Pferd abgestimmt, sie ist sicher über bewährte Methoden am Sattel angeschraubt/angenietet oder in das gute, hochwertige Leder eingenäht. Bei billigen Sätteln spottet die Gurtung oft jeder Beschreibung. Wieder findet man schnell anatomisch völlig unsinnig angebrachte dünne Metallösen, die an das dünne Holz des Sattels geschraubt wurden und deren Spitzen man oft an der Unterseite fühlt. Das billig, dünne Leder hält eher schlecht als recht, dehnt sich oder wird rissig. Bestimmt total sicher. Und auch das Metall ist bestimmt auch hochwertig gegossen und hat keine Lufteinschlüsse oder scharfe Kanten...oder?

Für die Aufhängung der Fender wird bei einem guten Westernsattel in den Baum eine Aussparung eingefräst, damit die Lederriemen zum Pferd hin keinen Druck verursachen. Es erklärt sich von selbst, dass für einen „Brettchensattel“ so ein Aufwand nicht betrieben wird. Oft läuft der Bügelriemen bei solchen Sätteln durch eine kleine Metallöse..wie diese nun am Baum angebracht ist (der aus Pressspan oder Pappelholz oder ähnlich "haltbaren *husthust*" Materialien besteht und der Druckbelastungn im Bügel bestimmt toll gewachsen ist...*nochmal augenroll*) sieht man nicht. Oft sind es Tackerklammern. Das kann halten...wenn der Unterbau was taugt, die Klammern rostfrei sind und lang genug. Und es genügend Klammern sind.

Damit der Artikel nicht zu lang wird, noch mal kurz die Schlagworte:
Ein Billig-Sattel hat keinen hochwertigen Baum mit einer anatomisch sinnvollen Passform. Billigsättel haben Billig-Leder ohne Kontrolle auf Giftstoffe oder umweltverträglicher Herstellung. Billig-Sättel werden oft mit wenigen Schrauben oder Tackerklammern zusammengeklötert, deren Spitzen kann man oft auf der Seite zum Pferd hin fühlen.
-ein Billig-Sattel hat außerdem kein geblocktes Leder, ein Billigsattel hat minderwertiges Lining, ein Billigsattel hat oft nach hinten hin keine Wirbelsäulenfreiheit mehr.
Mit einem Billig-Sattel erkauft man sich Probleme des Pferdes in Punkto Rückenschmerzen, Wiedersetzlichkeit (weil es Schmerzen hat) und erweckt- zumindest bei mir- den Einddruck, dass einem das Pferd nichts wert ist, hauptsache Reiten.

Darum rechnet doch bitte immer beim Kauf eines Westernsattels nach, ob es sich um gute Qualität handeln kann, wenn der Sattel angeblich aus Leder ist und nur 200 € kosten soll. Das was ihr scheinbar damit spart, bezahlt ihr dann (hoffentlich) dem Tierarzt und dem Physiotherapeut. Und dem Reitlehrer. Oder ihr verkauft einfach euer Pferd und fahrt Fahrrad.

Ich habe eine kleine Fotodokumentation erstellt über die Entstehung eines Westernsattels bei einem Meistersattler. Viel Spass beim Anschauen.